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Die Bio-Profis
Les pros du bio
Hintergrund
Biologisch produzierte Nahrungsmittel sind im Lauf der letzten Jahre zu Spitzenprodukten geworden. Die Produktpalette lässt keine Wünsche mehr offen und reicht von den Klassikern wie Müsli oder vegetabilem Brotaufstrich bis hin zu Eis, Babynahrung und Hundefutter. Die europaweite BSE-Krise hat ihren Teil dazu beigetragen, die Ökoprodukte populär zu machen. Intensives Aroma und geringe Schadstoffbelastung zeichnen die Bio-Lebensmittel aus. Ihr Image ist mittlerweile entstaubt, ihr Erscheinungsbild optisch verbessert, und so rücken die gesunden Erzeugnisse immer deutlicher in den Feinkostbereich.
Doch wer betreibt überhaupt biologische Landwirtschaft und wie professionell geht es dabei zu? Muss man befürchten, dass zunehmende Professionalität auf Kosten der Bioproduktqualität geht?
Zu beiden Seiten des Rheins hat sich in den letzten Jahren in diesem Bereich viel getan. Die Passe-partout-Sendung porträtiert einen Biobauern in Frankreich und einen in Deutschland.
Jérôme Chardon, Agraringenieur in Bellegarde bei Nîmes, lebt mit dem Risiko. Seine Zucchinipflanzen müssen täglich beobachtet werden, da biologische Spritzmittel zum Schutz vor Schädlingen nicht ausreichen. Auf seinem südfranzösischen Familienbetrieb mit 50 Hektar Land baut Chardon Gemüse an und nutzt dabei das Wissen, das die Bauern über Jahrhunderte erworben haben. Sorgfältige und aufmerksame Beobachtung sind entscheidend: Weil für den Biobauern die chemische Keule tabu ist, muss Chardon beispielweise einen Schädlingsbefall seiner Pflanzen sehr früh erkennen, um ihm wirksam entgegentreten zu können. Löwenzahnblüten geben besonders schnell Aufschluss, da sie anfällig für Schädlingsbefall sind; oder Marienkäfer etwa sind willkommene Insekten, da sie - und insbesondere ihre Larven - erstklassige Schädlingsvertilger sind. Sie ernähren sich fast ausschließlich von Blattläusen.
Gereon Güldenberg im oberschwäbischen Rösslerhof hat mehrere Einnahmequellen: Sein Biobauernhof umfasst Milchviehhaltung mit 80 Kühen sowie Gemüse- und Getreideanbau. Ausschließlich biologische Futtermittel aus dem eigenen Betrieb werden verfüttert. Bauer Güldenberg hält nur so viele Kühe wie sein Hof ernähren kann. Ihr Mist ist wertvolles Biodüngemittel, das einzige, das auf dem Rösslerhof verwendet wird.
Auf Chardons Hof bleibt die Nahrungskette nicht ganz so geschlossen. Der Bioschafmist wird aus den Cevennen angeliefert und die damit gedüngten Salatköpfe werden für den Verkauf 1000 km weit verschickt. Es wird streng nach biologischen Richtlinien gewirtschaftet, zur Vermarktung bedient man sich aber selbstverständlich des Computers. Biobauern sind moderne Unternehmer, in ihren Betrieben geht es um Produktqualität, nicht um Nostalgie. Die Bio-Landwirtschaft wird professionell betrieben. Deshalb ist in Deutschland wie in Frankreich der Betrieb gut organisiert.
Der deutsche Rösslerhof ist in voneinander unabhängige Unternehmensbereiche gegliedert, die Gärtnerei und der Hofladen sind verpachtet, und eine Angestellte ist für die Kühe zuständig. Der französische Hof ist ein Familienunternehmen, an dem Jérôme Chardon, sein Vater und auch Jérômes Schwager Anteile besitzen. Die Arbeit teilen sie untereinander auf. Die Biohöfe werden regelmäßig kontrolliert.
In Frankreich kommen Ökoprodukte wie Chardons Salat zum Beispiel unter dem Namen Ecocert in die Läden. Ecocert (siehe Adressen) ist eines von insgesamt drei privaten Unternehmen, die das staatliche Gütezeichen „ökologischer Landbau“ vergeben dürfen. Das ist das einzige Label, auf das sich französische Konsumenten verlassen können, während sich in Deutschland Demeter, Bioland und andere Verbände Konkurrenz machen. Bioprodukte werden exportiert, und zwar in alle Richtungen. Chardons Biosalatköpfe gelangen über die Bauernkooperative Univert (siehe Adressen) nach Deutschland, wo mit 80 Prozent der Löwenanteil der Univert-Produktion abgenommen wird. Dafür verschickt Gereon Güldenberg seinen „Rösslerhof-Emmentaler“, der in der nahegelegenen Käserei mit hofeigener Milch und nach alter handwerklicher Tradition hergestellt wird, nach Frankreich, ins Land der Käse. Offensichtlich mit Erfolg, wie der Film dokumentiert.
Das Kaufverhalten in beiden Ländern ist durchaus unterschiedlich. In Frankreich werden Bioprodukte bevorzugt im Supermarkt eingekauft, Getreideprodukte aus biologischem Anbau sind am meisten gefragt. Der deutsche Nachbar kauft dagegen häufiger im Naturkostfachhandel. Der Bioladen um die Ecke ist nicht mehr wegzudenken: Hier findet man Obst, Gemüse und Backwaren, aber auch Putzmittel und Kosmetik. In beiden Ländern befriedigen die Ökoprodukte das Bedürfnis nach ursprünglichen und einfachen Produkten und Lebensmitteln, die intensiv und natürlich schmecken. „Zurück zu den Ursprüngen“ wollen nicht nur die Konsumenten. Bauer Güldenberg lässt die Giftspritze hängen und „striegelt“ seinen Acker lieber mechanisch, um ihn von Unkraut zu befreien. Jérôme Chardon „horcht auf das, was im Boden drin ist“ und findet das allemal interessanter, „als einen Eimer Gift aufs Feld zu kippen“. Beide sind Profis, nicht zuletzt in der Vermarktung ihrer Produkte. Beide betreiben biologische Landwirtschaft, wollen aber niemanden bekehren. Sie sind stolz auf ihre Arbeit und zeigen das selbstbewusst. Konventionelle Landwirtschaft steht für keinen von ihnen zur Debatte.
Für die Abkehr von der konventionellen Landwirtschaft gibt es außerdem gute Argumente: Der ökologische Landbau kann mehr Arbeitsplätze schaffen, wie eine Umfrage der Fachhochschule Nürtingen bei 1000 Biobauern ergeben hat. Besonders im Obst- und Gemüsebau werden zunehmend Mitarbeiter benötigt, und die Zahl der festen Mitarbeiter hat sich bei vielen Betrieben nach der Umstellung auf biologischen Landbau verfünffacht. Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich die Zahl der Auszubildenden (Quelle: Umfrage der Fachhochschule Nürtingen).
Seit dem Ende der 80er Jahre ist die biologische Landwirtschaft ein wichtiger Arbeitgeber geworden. Was in einer ökonomischen Nische begann, ist heute durch professionelles Betreiben zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden. Allerdings werden in Deutschland bisher nur ca. 3 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche „biologisch“ bewirtschaftet, in Frankreich sogar nur etwa 1,3 Prozent (Siehe im Internet Stiftung Ökologie & Landbau (SÖL) und Adressen).